Hub Ostafrika

Interview mit Dr. Boniface Kiteme, Partner des Hubs Ostafrika

Dr. Boniface Kiteme war der wichtigste Vermittler für die Aktivitäten der Wyss Academy in Kenia – von der Konzeption bis zum Proof of Concept und über die gesamte Aufbauphase bis heute. Er setzt sich für echtes Stakeholder-Engagement ein und fördert den Einbezug von indigenem Wissen sowie Jugendgruppen für die Gestaltung und Umsetzung von Initiativen, die der Natur und den Menschen zugutekommen sollen.

Portrait Kiteme

Dr. Boniface Kiteme

Direktor CETRAD,
Schlüsselpartner des Hubs Ostafrika

Die rasche Transformation der Gesellschaft und der Umwelt erfordert vielseitige Massnahmen. Wie haben Sie Prioritäten gesetzt?

Lassen Sie mich mit dem allerersten Besuch des Schweizer Teams im Jahr 2018 beginnen, als wir uns mit der Landschaft vertraut machten, in der wir arbeiten wollten, dem Mount Kenya – Ewaso Ng’iro North Basin. Das war der Beginn des konzeptionellen Rahmens für das, was wir heute die Wissensplattform, die Engagement-Plattform und die Inkubatoren nennen. Im Februar 2019 fand unser Co-Design-Workshop hier in Kenia statt. Während vier Tagen diskutierten rund 60 Teilnehmende aus verschiedenen Institutionen und Funktionen in Wissenschaft, Politik und Praxis. Sie entwickelten gemeinsam eine Vielzahl von Interventionsideen, die wir für Aktivitäten im Zusammenhang mit der Mission der Wyss Academy in Kenia als relevant erachteten. Gemeinsam reduzierten wir diese umfangreiche Ideenliste zuerst auf etwa 100, dann auf neun und schliesslich auf sechs Ideen. Wichtig war dabei, dass wir zwei Schwerpunktbereiche definierten: den «Dual Purpose Corridor» und die «Wetland Stewardship». Die Ausarbeitung der anderen Ideen wurde auf einen späteren Zeitpunkt geplant.

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Das Projekt «Dual Purpose Corridor» entstand aus der Notwendigkeit, systemisch zu denken und die Herausforderungen im Zusammenhang mit der fehlenden Vernetzung von Ökosystemen anzupacken. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

Das Projekt «Dual Purpose Corridor» war die grösste Herausforderung, da es die Abgrenzung von Migrationsrouten vorsah, die sowohl von Wildtieren, insbesondere Elefanten, als auch von Nutztierherden genutzt werden können. Diese Idee wurde vorgeschlagen, weil wir realisierten, dass die bestehenden Wildtierkorridore auch von Menschen genutzt wurden. Historische Landnutzungsänderungen in der Mt. Kenya-Ewaso Ng’iro-Landschaft waren vor allem durch landwirtschaftliche und siedlungsbezogene Aktivitäten bedingt. Sie drangen in die ehemaligen Nutztierrouten und die Migrations- und Ausbreitungskorridore für Wildtiere vor und übernahmen diese in den meisten Fällen. Das ist der Hauptgrund für die Schwächung der Ökosystem-Vernetzung in der Region. Als wir uns mit der Vernetzung von Wildtieren und Nutztieren befassten, berücksichtigten wir gleichzeitig auch die Vernetzungsbedürfnisse der Communitys, die in diesen Gebieten leben. Entsprechend wurde der Umfang dieser Projektidee mit jedem Treffen grösser. Es handelt sich um ein sensibles Projekt, weil es die Landnutzungsplanung tangiert, wo unterschiedliche Ansprüche aufeinandertreffen können. Damit wird das natürlich schnell zu einem äusserst emotionalen Thema. Um dieses Problem anzugehen, bildeten wir in einer Reihe von kontextspezifischen Workshops eine Gruppe, die wir «Champions of Corridors» nennen. Dabei wurde uns klar, dass die «Dual Purpose Corridors» in den bestehenden Institutionen verankert sein müssen, damit sie die nötige Legitimität erhalten.

Warum konzentriert sich die Wyss Academy mit «Wetland Stewardship» auf Quellen?

Wir befinden uns in einer sehr interessanten Landschaft, in der es im Hochland meist genug Wasser gibt, während das Tiefland unter gravierender Wasserknappheit leidet. Deshalb haben wir in die Landnutzungsaktivitäten im Hochland eingegriffen, um dort Wasser freizusetzen und damit die Communitys und Ökosysteme im Tiefland zu unterstützen. Bis 2016 hatten wir uns immer auf die Nutzung von Flusswasser als Hauptherausforderung konzentriert. Dann haben wir eine Studie über die Nutzung von Flusswasser zwischen 2003 und 2013 durchgeführt und die Ergebnisse dieser Studie haben uns gezeigt, dass die Abhängigkeit von Flusswasser in diesen zehn Jahren um etwa 30 % zurückgegangen ist. Das lag daran, dass die Nutzung alternativer Quellen – Regenwasser und Grundwasser – um fast genauso viel zugenommen hatte. Daher haben wir unser Augenmerk nicht nur auf das Flusswasser, sondern auch auf das Wasser aus Quellen gerichtet, um herauszufinden, wie sie in der Trockenzeit den Wasserfluss im Tiefland des Ewaso Ng’iro-Flusses beeinflussen. Wir führten eine kurze Analyse durch, um festzustellen, wie viel Wasser die einzelnen Quellen liefern und welches die wichtigsten Aspekte sind, die diese Quellen gefährden. Die erste Runde der Kartierung und Bewertung der Quellen im Tiefland und teilweise auch flussaufwärts wurde zu dem Zeitpunkt abgeschlossen, als wir den Co-Design-Workshop durchführten. Die Teilnehmer:innen des Co-Design-Workshops bestanden darauf, dass wir die Wasserressourcen sowohl flussaufwärts als auch flussabwärts berücksichtigen. Und so wurde beschlossen, auch alle übrigen Quellen in den flussaufwärts gelegenen Gebieten zu analysieren. So entstand der Wetland Stewardship Inkubator.

 

Wie wichtig ist der Einbezug von lokalem Wissen für den Projekterfolg?

Wir haben externes Wissen aus der Forschung oder Wissenschaft, das eine äusserst wichtige Rolle spielt. Aber wir haben auch lokales Wissen, das seine Berechtigung hat und das man nie ignorieren kann. Meiner Meinung nach liegt die Nachhaltigkeit eines Projektes in den Händen und Köpfen der lokalen Communitys. Wie sie externe Interventionen aufnehmen und akzeptieren, entscheidet darüber, ob diese Interventionen nachhaltig sein werden. Die Bereitschaft und die Verfügbarkeit der lokalen Communitys, eine Initiative über die externe Intervention hinaus weiter zu unterstützen, hängt in hohem Masse davon ab, wie viel von ihren Wissenssystemen bei der Ausgestaltung dieser Initiative genutzt wurde.

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Wie und warum hat die Wyss Academy Maasai-Jugendgruppen einbezogen?

Man spricht mit einem jungen Menschen anders als mit einem älteren Menschen. Das heisst, man muss den richtigen Zugang, die richtigen Kanäle, die richtigen Worte und die richtige Sprache finden, um die Jugend ins Boot zu holen. Wir arbeiten mit einer Jugendgruppe aus der Maasai- Community zusammen, die einen grossen Respekt vor den Traditionen hat, aber gleichzeitig auch neugierig ist auf die Zukunft und neue Dinge. Wir filmen sie und produzieren Musikvideos, um ihre Botschaften in ihren Communitys, aber auch darüber hinaus zu verbreiten. Diese Menschen singen über den Frieden, den Schutz der Umwelt und das Land. Sie haben ihre eigenen, sehr positiven Botschaften für die Menschen und auch für die Natur. Wir nehmen sie mit, wenn wir mit Communitys in Kontakt treten wollen – so gibt es immer einen grossen Menschenauflauf und die Veranstaltung wird spannender als ein reiner Workshop. Die Jugend ist die Zukunft.

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